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Attachment Parenting: Was bedeutet es wirklich?

Attachement Parenting„Attachment Parenting“ ist in aller Munde. Doch nicht nur Befürworter, auch Kritiker äußern sich zur derzeit wohl am meisten diskutierten Erziehungslehre. Was verbirgt sich tatsächlich hinter dem sperrigen englischen Begriff? Wir haben die Grundideen der Lehre und die Ansätze von Expertinnen für euch zusammengefasst.

Beginnen wir mit dem Begriff „Attachment Parenting“, kurz auch als „AP“ benutzt. Er stammt von dem amerikanischen Kinderarzt William Sears, der bis heute der bedeutendste Vertreter der Lehre ist. Das Wort „Attachment“ hat im Deutschen viele Übersetzungen. So steht es zum einen für die Vokabel „Anhängsel“ – die auf ein Kind (seien wir ehrlich) niedlicher Weise auch wunderbar passt. Im juristischen Sinne ist es die Übersetzung für „Arrest“ oder „Beschlagnahmung“, was den Kritikern der Lehre natürlich wunderbar in die Wortwitz-Karten spielt. Im Zusammenhang mit dem Wort „Parenting“ ist jedoch die psychologische Bedeutung gemeint: Bindung. Der Begriff „Attachment Parenting“ lässt sich daher am besten als „Bindungsorientierte Elternschaft“ übersetzen.

Was bedeutet „bindungsorientiert“?

Hinter dieser Bezeichnung verbirgt sich auch schon der Kern der Erziehungslehre: Die Beziehung zwischen Kind und Eltern, vor allem der Mutter, steht im Fokus. Dazu gehören viel gemeinsame Zeit und körperliche Nähe, um auf Signale des Säuglings möglichst unmittelbar reagieren zu können. William Sears bezeichnet dieses „Lesen“ der Signale als „Babyreading“. Er nennt sieben Verhaltensweisen, die die Mutter dafür sensibilisieren und das „Babyreading“ vereinfachen sollen:

  1. Aufnahme des Körper- und Augenkontakts zwischen Mutter und Kind sofort nach der Geburt
  2. bedarfsorientiertes Stillen statt Flaschenernährung
  3. möglichst häufiges Tragen des Kindes
  4. gemeinsames Schlafen („Co-Sleeping“)
  5. Beachtung der Signale des Kindes, um jedem Schreien zuvorzukommen
  6. Verzicht auf Schlaftraining
  7. Balance der Bedürfnisse von Kind und Mutter

Laut Sears basieren diese Praktiken auf den biologischen Bedürfnissen des Kindes.

Seit der Steinzeit gleich: biologische Bedürfnisse

Jeder einzelne dieser sieben Punkte birgt natürlich Diskussionspotenzial. Das „Co-Sleeping“ zum Beispiel steht oft in der Kritik. Nicola Schmidt, Autorin und Attachment-Parenting-Expertin, erklärt, weshalb es aus ihrer Sicht biologisch gesehen das richtige fürs Baby ist: „Wenn wir campen gehen, würde keiner von uns auf die Idee kommen, das Baby nachts alleine in einem extra Zelt schlafen zu lassen. Das fühlt sich viel zu unsicher an. Für unsere Babys ist das in unseren 3-Zimmer-Wohnungen aber genauso!“ Laut Nicola Schmidt (Buchtipp „artgerecht“) liegt dieser Urinstinkt in unserer evolutionären Vergangenheit: Der Mensch hat immer draußen gelebt. Körperkontakt gab da Sicherheit. Die schützenden Wohnungen, in denen wir heute leben, haben sich im evolutionären Unterbewusstsein noch nicht ausreichend verankert – deshalb benötigen unsere Babys laut Nicola Schmidt auch heute noch Nähe und Körperkontakt, um sich im Schlaf sicher zu fühlen.

Bindung gibt Sicherheit

Sicherheit ist ein menschliches Grundbedürfnis. Damit ist nicht nur Sicherheit im Sinne von „Überleben“ gemeint, sondern auch die Sicherheit, die durch stabile soziale Beziehungen gegeben wird. Für Kinder ist eine sichere Bindung zu ihren Eltern die Basis für ein erfülltes Leben. Fabienne Becker-Stoll, ebenfalls Autorin und Expertin für Attachment Parenting, empfiehlt Eltern, ihren Nachwuchs die ganze Kindheit hindurch bindungsstärkend zu begleiten. Sie erläutert, dass eine sichere Beziehung zu den Eltern der einzige Faktor sei, der nachweislich mit Lernerfolg, seelischer Gesundheit und stabilen Beziehungen im Erwachsenenalter einhergeht.

Nicht jedes Verlangen ist ein Bedürfnis

All das klingt rational betrachtet logisch und sinnvoll. Warum also ist nicht nur das Lob, sondern auch die Kritik an Attachment Parenting so laut geworden? Nora Imlau (Buchtipp: Mein kompetentes Baby), Journalistin für Familienthemen, ahnt, dass es in der falschen Auslegung der Lehransätze liegt: Ja, Eltern sollen Signale deuten und die Bedürfnisse ihres Kindes erfüllen. Aber: Nicht alles, was unser Kind verlangt, ist ein „Bedürfnis“. Eltern verwechseln oft das Bedürfnis Ihres Kindes mit einer Strategie, dieses zu erfüllen. In ihrem Artikel „Was Kinder wirklich brauchen“ gibt Nora Imlau ein treffendes Beispiel: „Wer Hunger hat, hat ein Bedürfnis nach Nahrung. Wer einen Apfel isst, nutzt eine Strategie zur Erfüllung dieses Bedürfnisses.“ Bedeutet konkret: Kein Kind hat ein „Bedürfnis“ nach Schoko-Pudding oder Quetschies. Das Kind hat Hunger. Die Frage, mit welcher Strategie der Hunger gestillt wird, ist nicht Teil des Bedürfnisses. Und Babys haben – um es ganz deutlich zu machen – zwar ein Bedürfnis nach warmer Milch, aber nicht nach Muttermilch direkt aus der Brust. Natürlich erfüllt das Stillen das Bedürfnis eines Babys nach Nahrung auf die beste und besonders bindungsorientierte Weise, da es gleichzeitig die Bedürfnisse Geborgenheit, Nähe und Sicherheit erfüllt. Aber das Baby einer Mutter, die nicht stillt, lebt laut Nora Imlau nicht mit einem permanent unerfüllten Bedürfnis, „weil seine Bedürfnisse nach Nähe, Milch und Geborgenheit mittels anderer Strategien erfüllt werden.“

Keine übertriebene Auslegung der Lehre

Der vermutlich wichtigste Punkt auf William Sears’ Liste ist der letzte: Balance der Bedürfnisse von Kind und Mutter. Eine Mutter, die permanent ihr Kind beobachtet, um jedem noch so kurzen Schreien zuvorzukommen, vernachlässigt die eigenen Bedürfnisse. Dabei sind es natürlich gerade die eigenen Reserven, die man immer im Blick behalten muss, um bestmöglich für andere – selbst das eigene Kind – da sein zu können. Und genau hier setzt die Kritik am Attachment Parenting an: Aufopfernde Mütter, die nur noch das Wohl des Kindes im Blick haben, vergessen die eigenen Bedürfnisse und bleiben auf der Strecke. Oder sie zergehen in Selbstvorwürfen, weil sie einen Punkt der Sear’schen Liste nicht erfüllen können. Ein direkter Körper- und Augenkontakt zwischen Mutter und Kind zum Beispiel ist nach der Geburt allein aus gesundheitlichen Gründen nicht immer möglich. Trotzdem, und auch da sind sich die Expertinnen einig, bedeutet dieser Faktor natürlich keinen unverzeihlichen Fehlstart in eine bindungsorientierte Erziehung. Unverzeihlich sind nur die sektenähnlichen Dogmen, die in einigen AP-Diskussionsrunden auferlegt werden und Eltern unter einen unnötigen Druck stellen. Junge Mütter, die in Online-Foren nach Rat und Beistand suchen, weil sie ihr Kind doch einmal haben schreien lassen müssen, finden unter Hardcore-Vertretern der AP-Lehre keinen Trost, sondern oft Schuldzuweisungen und Vorwürfe. Das ist in der Tat eine toxische Auslegung der Praktiken, die berechtigt in der Kritik steht.

Viel besser treffen es da die Worte der Kleinkindpädagogin Susanne Mierau: „Jede Familie darf ihren eigenen Weg finden, um gemeinsam zu wachsen.“ (Buchtipp: Geborgen Wachsen) Welche Praktiken der „Attachment Parenting“-Lehre sie dabei für sich anwendet (und welche nicht), sollte ihr selbst überlassen sein.


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