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Bumm, Krach, Aua – wenn Kleinkinder Schäden verursachen

Sonntagnachmittag bei Freunden der Familie. 19 Monate alt, die Schritte flink und die Lust, die Welt zu entdecken riesengroß. Mama und Papa geben die berühmte „eine Sekunde“ lang nicht Acht und schon kracht es – was gerade noch Tante Julias kindshohe Porzellanvase war, ist nun ein Haufen Scherben.

Szenewechsel. Der zweijährige Niko spielt im Hof mit seinem fünfjährigen Bruder Ball, die Mutter sitzt in einigen Metern Entfernung und liest. Das Hoftor ist zu, weglaufen kann die Rasselbande nicht – wohl aber der Ball. Denn als der, von Nikos Bruder geworfen, hüpft er schnurstracks durch die Gitter des Tors, wo ein vorbeifahrender Autofahrer aus Schreck verreißt und seinen Wagen in ein parkendes Auto knallt. Es gibt viele Gründe, warum Kids an Sach- und Personenschäden schuld sein können – doch was gibt es für Eltern hierbei zu beachten?

Eltern haften für ihre Kinder?

Man kennt das Schild von jeder Baustelle „Eltern haften für ihre Kinder“ – doch hat der Text auf gelbem Grund wirklich so uneingeschränkte Gültigkeit? Die Antwort ist ein klares „Nein“,denn das deutsche Recht greift hier variabel ein. Dazu muss zunächst der Paragraph 828 des Bürgerlichen Gesetzbuches bemüht werden. Der sagt klar aus, dass ein Kind, welches das siebte Lebensjahr noch nicht vollendet hat, für Schäden grundsätzlich nicht verantwortlich ist – im Straßenverkehr wird dieser Grundsatz sogar noch bis ins zehnte Lebensjahr ausgedehnt. Damit einhergehend haben Eltern, als die erwachsenen und rechtlich mündigen Personen, eine Aufsichtspflicht – die sie natürlich verletzen können. Genau dann gilt der eingangs genannte Satz tatsächlich.

Kritisch wird es jedoch, weil das Gesetz höchst schwammig formuliert ist. So wird darin weder genau definiert, welchen Umfang die Aufsichtspflicht hat, noch bei welcher Grenze sie verletzt wurde. Für Eltern ist das Segen und Fluch zugleich:

  • Segen weil sie nachweisen können, dass sie ihre Aufsichtspflicht nicht verletzten
  • Fluch weil ihnen je nach Sachlage und Richter das Gegenteil bewiesen werden kann

In dem eingangs genannten Beispiel vom Ball, der auf die Straße springt, wäre beispielsweise schon ein solches Dilemma gegeben: Die Mutter sitzt in einiger Entfernung und liest – was so ausgelegt werden könnte, dass sie die Kinder nicht beaufsichtigte. Andererseits könnte man mit der gleichen Logik argumentieren, dass die Mutter ja sowohl anwesend war, als auch direkte Sicht auf die Kids hatte und zudem durch das geschlossene Tor davon ausgehen konnte, dass keine direkte Gefahr bestand.

Die einzigen Urteile, die halbwegs Richtlinien setzen, ist ein BGH-Spruch von 1969, der die Aufsichtspflicht als „Maß der gebotenen Aufsicht nach Alter, Eigenart und Charakter des Kindes“ definierte, sowie ein 2012er BGH-Urteil: „was den Aufsichtspflichtigen in ihren jeweiligen Verhältnissen zugemutet werden kann. Entscheidend ist, was verständige Aufsichtspflichtige nach vernünftigen Anforderungen unternehmen müssen, um die Schädigung Dritter durch ein Kind zu verhindern“.

Klare, nicht interpretierbare Aussagen, Fehlanzeige – weshalb sich Eltern bei Schäden immer schon mal geistig auf einen Rechtsstreit vorbereiten können.

Ärger mit der Versicherung

Wo ein Schaden passiert, ist natürlich auch die Versicherung nicht weit, die – eigentlich – die Sache regeln soll. Doch wie schon vor dem Gesetz gibt es auch hier Stolpersteine. Denn obgleich die genannten Altersgrenzen von sieben bzw. zehn Jahren auch vor Versicherungen gelten, kommt hier das Problem hinzu, dass kleine Kinder als deliktunfähig gelten – im Klartext gibt es also, sofern ein Richter festgestellt hat, dass es keine Aufsichtspflichtverletzung gab, keinen Schuldigen.

Was wie ein Paradoxon wirkt, kann Eltern mächtige Kopfschmerzen bereiten. Denn aufgrund dieser Tatsache wird sich eine normale Haftpflicht in den meisten Fällen schlicht und ergreifend weigern, den Schaden zu ersetzen – denn weil das Kind deliktunfähig ist, existiert ja auch kein Schuldiger und somit keine Haftungsgrundlage, auf deren Basis die Versicherung zahlen müsste. Wenn ein Fremder der Leidtragende ist (etwa der Autobesitzer aus dem Eingangsbeispiel) ist das für die Eltern schlimmstenfalls peinlich, bei Freunden, Verwandten, mit denen man auch weiterhin auskommen will, kann das jedoch zu Verstimmungen führen.

Den einzigen Ausweg aus dieser Problematik bietet es, seine private Haftpflichtversicherung um den Passus zu erweitern, dass darin auch Schäden durch Kinder unter sieben abgedeckt werden – sowohl für Personen- als auch Sachschäden, hier muss man genau auf das Kleingedruckte achten.

Einigung auf dem kleinen Dienstweg

Wenn ein Kind erst mal da ist, haben Eltern tausenderlei Dinge im Kopf – das Updaten der Haftpflichtversicherung rangiert dabei meist auf den hintersten Plätzen. Und wenn es dann passiert, steht man buchstäblich mit heruntergelassenen Hosen dar.

Im Freundes- oder Nachbarschaftskreis ist das, zumindest bei geringeren Schäden, dennoch zu stemmen. Wer keinen Wert auf weiterhin gute Beziehungen zum Geschädigten legt, agiert einfach nach „Pech gehabt“ und lässt ihn mit seinem Schaden alleine. Da das aber für die wenigsten Infrage kommt, ist es die bessere Lösung, zu versuchen, die Schäden zumindest halbwegs aus der eigenen Tasche oder durch eigene Fähigkeiten zu begleichen.

Wenn etwa der Steppke dem Nachbarn per Fußball die Küchenscheibe zertrümmert hat, und man als fähiger Heimwerker die Sache in Eigenregie bereinigt, liegt man eventuell bei den Kosten nicht nur unterhalb einer Selbstbeteiligung (die bei den meisten Kinder-inkludierenden Haftpflichten dazugehört), sondern bewegt sich auch rechtlich auf sauberem Boden, es fällt also nicht unter irgendwelche Regularien gegen Schwarzarbeit, denn bei einer solchen Tätigkeit handelt es sich ja nicht um etwas, mit dem nachhaltig Gewinn erzielt werden soll.

Natürlich stellt sich die Frage, wie viel den Eltern das Ausräumen des Ärgers in Euro wert ist. Als Näherung kann man sich aber zu Herzen nehmen, dass Schäden bis etwa 300 Euro bezahlt werden sollten. Was darüber hinausgeht, ist vor allem von der Beziehung zum Geschädigten und dem eigenen Geldbeutel abhängig. Allerdings gilt umgekehrt auch: Ein Schaden mag zwar ärgerlich sein, aber wenn er von einem Kind ohne schuldhaftes Verhalten seiner Eltern verursacht wurde, sollte man auch nicht auf Teufel komm raus auf Ersetzen bestehen, sondern sich gütlich einigen.

Und das Kind?

Bislang hat sich dieser Artikel buchstäblich wie das Gesetz verhalten. Er kannte die Eltern als Aufsichtspersonen und die Geschädigten – die Kids, als die eigentlichen „Täter“ blieben jedoch außen vor. Dabei ist gerade hier ebenfalls ein sorgsames Verhalten vonnöten, damit aus dem Unfall zumindest eine Lehre für die Zukunft des Kindes entstehen kann.

Wie man verfährt, ist vor allem altersabhängig. Denn man muss verstehen, dass die emotionale Entwicklung eines Kindes erst im zweiten Lebensjahr die Ausbildung eines Schuldgefühls zulässt. Anders ausgedrückt können jüngere Kids gar nicht begreifen, dass sie ein schuldhaftes Verhalten gezeigt haben.

Erst danach können und sollten Eltern sich entsprechend verhalten:

  • Dem Kind klar zu verstehen gegeben, dass das, was passiert ist, seine Schuld war. Dabei aber nicht in bösartigem Ton ansprechen, sondern sachlich-freundlich.
  • Egal wie schlimm die Konsequenzen auch sind, sie dürfen niemals dem Kind direkt vorgeworfen werden.
  • In jedem Fall mit dem Kind gemeinsam den Geschädigten aufsuchen und sich entschuldigen – ebenfalls gemeinsam, denn das hilft nicht nur dem Kind, weil es emotional die Schuld aufteilen kann, sondern es zeigt ihm auch, dass die Eltern es auch in unangenehmen Situationen begleiten und für es da sind.

Zudem sollte anschließend dem Kind genau erklärt werden, was es falsch gemacht hat – denn gerade kleine Kinder verstehen zwar, dass sie sich falsch verhalten haben, können aber aufgrund mangelnden Verständnisses nicht selbst erörtern, warum genau etwas falsch war. Wer diese Schritte vollzieht, kann bei allem Ärger, der nun da ist, wenigstens für das Kind eine positive Lehre daraus machen.

Übrigens können Eltern ungefähr ab dem Grundschulalter auch darüber nachdenken, ob es sinnvoll wäre, das Kind – zumindest symbolisch – an der Schuldbereinigung zu beteiligen. Das muss keine rigorose Streichung des Taschengeldes sein, zumindest dann nicht, wenn der Unfall tatsächlich ein Unfall war und kein absichtliches Verschulden des Kindes. Aber, um bei der Nachbarsscheibe zu bleiben, kann es ein symbolischer Akt für beide Seiten sein, wenn der Steppke beim Aufräumen der dabei umgefallenen Blumen hilft und vielleicht dabei, die neue Scheibe einzusetzen.

Denn, auch diese Lehre ist in der Kindeserziehung wichtig: Für Fehler muss man gerade stehen können.

Ein Wort zum Geleit

Niemand kennt ein Kind besser als seine Eltern – nur Papa und Mama wissen um die speziellen „Forschungsgebiete“ ihres Kleinen und wo er oder sie ganz besonders die Finger nicht weglassen kann. Auf manche Kids übt Feuer eine geradezu magische Anziehungskraft aus, andere können die Finger nicht von elektronischen Spielzeugen lassen. Wieder andere Kinder sind legendär tollpatschig.

Aus diesem Grund und vor allem, weil jegliche Unaufmerksamkeit nicht nur für versicherungsrechtliche Schäden, sondern besonders solche am Kind verantwortlich sein kann, sollten Eltern ihren Kids in genau solchen Situationen wirklich die ganze Aufmerksamkeit zukommen lassen. Wenn eine Kerze auf dem Tisch brennt, wenn der neue Fernseher installiert wurde, wenn man sich in einem Raum voller Zerbrechlichem befindet.

Denn nur wer ständig auf dem Quivive ist, verhindert, dass das Kind Schäden anrichtet und erleidet. Man kann bei aller Aufsichtspflicht nicht immer überall hellwach sein, doch meist reicht es, wenn man es da ist, wo die Schwachstellen des eigenen Kindes lauern

Fazit

Es könnte so einfach sein – unter sieben Jahren sind Kinder nicht schuldfähig, also gibt es keine Schuldigen und keine Pflicht, Schäden zu ersetzen. In der Realität ist es jedoch selten so einfach. Genau deshalb müssen Eltern dafür Sorge tragen, dass in solchen Fällen nicht noch zum Schaden auch der Spott kommt. Und das geht nur, indem man die Aufsicht nie schleifen lässt und vor allem niemals vergisst, dass die meisten Kids genau dann dazu tendieren, etwas kaputtzumachen, wenn sie sich unbeobachtet fühlen.