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Vegane Ernährung von Kindern: Nicht Fleisch noch Fisch

In diesem Sommer machte Italien besonders mit einer Nachricht Schlagzeilen: Elvira Savino, ihres Zeichens Abgeordnete der rechtspopulistischen Forza Italia möchte gegen die vegane Ernährung von Kindern vorgehen. Sie schlägt vor, dass Eltern bis zu einem Jahr ins Gefängnis müssen, wenn sie ihre unter 16 Jahre alten Kinder zu einem veganen Lebensstil zwingen. Eltern von Kindern unter drei Jahren droht bis zu zwei Jahre Haft. Da die Forza Italia keine Mehrheit besitzt, wird es wohl nicht über Drohgebärden hinausgehen, aber der Grund der Diskussion ist äußerst real. Es gibt immer mehr Fälle von vegan ernährten Kindern mit schwerem Untergewicht und Mangelerscheinungen, die sich in einem schlechten gesundheitlichen Zustand befinden. Inwiefern ist also eine vegane Ernährung von Kindern sinnvoll oder sogar fahrlässig?

Wir sprachen mit Manuela Michel, Diplom Oecotrophologin und durch dir DGE (Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V.) zertifizierte Ernährungsberaterin.

schwangerinmeinerstadt: Ist die vegane Ernährung eine Wissensentscheidung, die Eltern ihren jungen Kindern nicht aufzwingen dürfen?

Manuela Michel: In den meisten Fällen stehen hinter der Entscheidung sich vegan zu ernähren, ethische und moralische Motive. Der Gedanke an das Schicksal der Tiere, eine gewaltfreie Welt, Ökologie, Religion und Politik spielen ebenfalls eine große Rolle. Gesundheit kommt erst weiter unten auf der Liste. Sprich: Eltern entscheiden hier über eine ganz grundsätzliche Weltanschauung ihrer Familie. Was und wie in einer Familie gegessen wird, entscheiden tatsächlich die Eltern. Dies geschieht entsprechend ihrer Vorlieben, Gewohnheiten, finanziellen Möglichkeiten und eben auch gemäß ihrer Weltanschauung. Aufzwingen empfinde ich als zu hart ausgedrückt, umgekehrt würde man ja auch nicht sagen, Kinder werden von ihren Eltern gezwungen tote Tiere zu essen.

schwangerinmeinerstadt: Es wird ja noch immer diskutiert, ob eine vegane Ernährung zu Mangelerscheinungen führt oder nicht. Wie sinnvoll ist der Veganismus aus ernährungswissenschaftlicher Sicht?

Manuela Michel: Die vollwertige Ernährung, wie sie von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlen wird, stellt sicher, dass alle Nährstoffe ausreichend aufgenommen werden. Je mehr die Lebensmittelauswahl eingeschränkt wird, desto höher ist das Risiko, dass nicht mehr alle Nährstoffe ausreichend aufgenommen werden. Bei der veganen Ernährung werden gleich mehrere Komponenten der vollwertigen Ernährung weggelassen. Veganer essen kein Fleisch, keinen Fisch, keine Eier und Milchprodukte und auch keinen Honig. Bis auf den Honig liefern diese Lebensmittelgruppen auch lebensnotwendige Nährstoffe. Allen voran Vitamin B12, welches ausschließlich in tierischen Lebensmittel vorkommt. Weitere kritische Nährstoffe – vor allem für Kinder – sind Eiweiß, Eisen, Calcium, Zink, Jod und langkettige omega-3 Fettsäuren. Da das Wachstum und die Entwicklung in den ersten Lebensjahren besondere Ansprüche an die Energie- und Nährstoffversorgung stellt, ist eine rein pflanzliche Ernährungsweise für Säuglinge, Kleinkinder und Kinder nicht angemessen, so die DGE in ihrem aktuellen Positionspapier zur veganen Ernährung von Kindern.

schwangerinmeinerstadt: Können Kinder die notwendigen Nährstoffe auf einem anderen Weg zu sich nehmen?

Manuela Michel: Werden diese Nährstoffe ersetzt durch Nahrungsergänzungsmittel bzw. angereicherte Lebensmittel, dann kann unter Umständen eine ausreichende Versorgung ermöglicht werden. Dies ist nun auch wieder eine Grundsatzentscheidung, ob lebensnotwendige Nährstoffe – den Tieren zu liebe – als Präparat eingenommen werden. Letzteres ist auf jeden Fall notwendig, wenn Kinder vegan essen. Erwachsene sind natürlich genauso betroffen; da Wachstum und Entwicklung allerdings abgeschlossen sind, ist das Risiko für bleibende Schäden auf den Mangel von B12 beschränkt.

schwangerinmeinerstadt: Kann man also sagen, dass der Verzehr von tierischen Produkten wie Milch oder auch Käse zur körperlichen Entwicklung von Kindern notwendig sind?

Manuela Michel: Nicht direkt tierische Produkte, aber eine Reihe von Nährstoffen, die mit tierischen Lebensmitteln unkomplizierter aufgenommen werden. Calcium wird von Kindern überproportional benötigt, die Aufnahme in Kindheit und Jugend entscheidet über die Knochengesundheit im Erwachsenenalter. Eisen wird für das Wachstum und die Leistungsfähigkeit gebraucht. Sowohl Calcium als auch Eisen können auch durch pflanzliche Quellen aufgenommen werden. Dazu ist allerdings ein gutes Ernährungswissen notwendig, außerdem müssen die Kinder die großen Mengen an beispielsweise grünem Gemüse, wie Spinat oder Grünkohl, auch tolerieren und aufessen. Jod kann durch jodiertes Speisesalz und Nahrungsergänzungsmittel ebenfalls zugeführt werden. Langkettige omega-3 Fettsäuren kommen vor allem im Fisch vor, es gibt allerdings angereicherte Öle für Veganer zu kaufen. Vitamin B12 kann nicht durch pflanzliche Quellen ersetzt werden und muss anders ergänzt werden.

schwangerinmeinerstadt: Was müssen Eltern, die ihre Kinder vegan ernähren möchten, also beachten?

Manuela Michel: Sie sollten sich von einer Ernährungsfachkraft beraten lassen und auch ein Arzt sollte die Entwicklung des Kindes begleiten. Vor allem im Internet gibt es viele falsche Informationen und gegensätzliche Empfehlungen, die nur verwirren und sogar gefährlich werden können. Als Laie ist es nicht einfach, sich ausreichend zu informieren und sich für das Richtige zu entscheiden. Die Beratungsfachkräfte finden die passenden Lebensmittel und können die Versorgung richtig einschätzen.
Grundsätzlich sollte die Ernährung so abwechslungsreich und vielseitig sein wie nur eben möglich. Für Vegetarier und Veganer gehören neben Gemüse und Vollkornprodukten besonders Hülsenfrüchte, Sojaprodukte, Nüsse, Ölsaaten sowie hochwertige Pflanzenöle auf den Speiseplan. Zur Nahrungsergänzung gibt es angereicherte Lebensmittel. Es sollte beispielsweise ein Milchersatz gewählt werden, der vor allem mit Calcium und Vitamin B12 angereichert ist. „Multinährstoffpräparate“ speziell für Veganer liefern die kritischen Nährstoffe und stammen garantiert aus nicht-tierischen Quellen. Außerdem wurde eine Zahncreme entwickelt, die mit Vitamin B12 angereichert ist.

Auch wenn es über diesen Weg möglich ist Kinder vegan zu ernähren, müssen wir die Eltern gut aufklären und es muss gewissenhaft auf die Versorgung und Entwicklung der Kinder geachtet werden.

schwangerinmeinerstadt: Was halten Sie von der Idee, die vegane Ernährung von Kindern per Gesetz zu verbieten?

Manuela Michel: Sicherlich ist es fahrlässig, wenn Eltern ihre Kinder unterversorgen, aus welchem Grund auch immer. Keinesfalls darf das ein Land hinnehmen oder ignorieren und muss dringend Konsequenzen ziehen. Aber sich besonders auf vegan lebende Familien zu beziehen, finde ich zu einseitig. Wir haben ein großes Problem mit übergewichtigen und adipösen Kindern. In Deutschland beispielsweise ernährt sich weniger als ein Prozent der Bevölkerung vegan. Dagegen sind allein über 6 % der Kinder und Jugendlichen in Deutschland adipös.

schwangerinmeinerstadt: Was würden Sie also als politische Strategie empfehlen?

Manuela Michel: Aus Sicht der Ernährungsberatung sollten wir eher Aufklärung leisten und die Familien, die sich für eine vegane Ernährung entscheiden, unterstützen und nicht abschrecken. So können wir den Kindern sicher besser helfen. Wir leben schließlich in einer Gesellschaft, in der wir uns einen Verzicht auf Lebensmittel und den Einsatz von Nahrungsergänzungen gut leisten können. In anderen Teilen der Welt gibt es auch unterernährte Kinder, aber auf Grund ganz anderer Entscheidungen von Erwachsenen – ich frage mich, wer dafür ins Gefängnis geschickt wird.

Vielen Dank für das Gespräch!


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